»Der Weg der Demokratie« von Günter Fröhlich
Die Demokratie steht zunehmend unter Beschuss: durch autokratische Bestrebungen wie durch absichtlich gestreute Zweifel daran, dass demokratische Strukturen ein gutes Leben für alle am besten gewährleisten können. Umso wichtiger ist es, sich fundiert mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.
In seiner großangelegten und lebendig geschriebenen Darstellung des Denkens politischer Philosophen beschreibt Günter Fröhlich, wie die Demokratie in 2500 Jahren politischer Ideengeschichte entstanden ist. Leitend war der Vorsatz, dass philosophische Positionen nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit verständlich zu machen sind. Gleichzeitig aber sind durch die Geschichte hindurch Entwicklungslinien erkennbar, die erst zu unserem heutigen Verständnis führen. Sonderbarerweise ergibt sich dabei, dass die Demokratie nur zur Weiterentwicklung bereit scheint, wenn sie gehörig unter Druck gerät.
»Wir dürfen nicht den Fehler machen, zu glauben, die Geschichte der Demokratie sei schon auserzählt, weil alles schon umgesetzt wurde und sie, wie wir derzeit glauben, gerade scheitert.«
Günter Fröhlich im Interview


Der erste Band ist Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit gewidmet und behandelt näher u.a. die folgenden Denker:
Platon – Aristoteles – Cicero – Augustinus – Thomas von Aquin – Dante – Marsilius von Padua – Machiavelli – Thomas Morus – Luther – Francisco de Vitoria – Grotius – Bodin


Der zweite Band behandelt die politische Theoriebildung während des Kampfs um Demokratie und Freiheit in der Vor- und Nachgeschichte der Französischen Revolution, also in den dreihundert Jahren zwischen Hobbes und Nietzsche. Band 2.1 beschäftigt sich u.a. mit:
Hobbes – Locke – Spinoza – Pufendorf – Thomasius – Wolff – Montesquieu – Rousseau – Hume – Sieyes


Band 2.2 beschäftigt sich u.a. mit:
Kant – Fichte – Hegel – Mill – Marx und Engels – Tocqueville – Nietzsche


Im dritten Band analysiert Fröhlich, wie der lange Weg der Demokratie angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts und in den nachfolgenden ausdifferenzierten Gesellschaften nicht mehr von großen Systementwürfen geprägt wird, sondern von den für die Demokratie so notwendigen institutionellen Verfahrensweisen. Behandelt werden u.a.:
Weber – Gehlen – Schmitt – Strauss – Arendt – Marcuse – Habermas – Rawls – Ritter – Fukuyama.
»Der Weg der Demokratie« - ein Podcast von Günter Fröhlich
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Text, Redaktion, Musik und Sprecher: Günter Fröhlich
Herausgeber: Felix Meiner Verlag
Die technische Ausstattung für die Aufnahmen wurde im Rahmen des Stipendienprogramms des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ im März 2021 mitfinanziert. Die Produktionskosten der ersten Staffel wurden von der Franken-Akademie Schloss Schney e. V. übernommen. Günter Fröhlich und der Felix Meiner Verlag danken beiden Institutionen für ihre Unterstützung.
Demokratie ist nicht in einem einzigen historischen Schritt entstanden. Ihre Entwicklung beruht auf Begriffen, Konflikten und Institutionen, die über lange Zeiträume geprägt, weitergedacht und immer wieder verändert wurden. Dazu gehören Freiheit und Recht, Gemeinwohl und Herrschaft, Repräsentation und Souveränität.
Die erste Staffel trägt den Titel „Gemeinschaft, Herrschaft, Souveränität - Platon bis Bodin“. Günter Fröhlich verfolgt darin die politische Ideengeschichte von der Antike bis in die Frühe Neuzeit. Der Weg führt von Platon und Aristoteles über Cicero, Augustinus, Thomas von Aquin, Dante und Marsilius von Padua bis zu Machiavelli, Thomas Morus, Martin Luther, Francisco de Vitoria, Hugo Grotius und Jean Bodin. Eine abschließende Folge bündelt diese Entwicklung und führt im Ausblick zu Thomas Hobbes und damit zu einer neuen Phase des politischen Denkens.
Die einzelnen Folgen erläutern historische Zusammenhänge, rekonstruieren zentrale Argumente und fragen nach deren Bedeutung für die Entwicklung politischer und demokratischer Ordnung. Jede Folge ist für sich verständlich; zugleich folgen die Episoden einer chronologisch aufgebauten Ideengeschichte. Der Podcast begleitet die gleichnamige Buchveröffentlichung im Felix Meiner Verlag und eröffnet einen zusätzlichen Zugang zu ihren Themen.
Zum Autor
Günter Fröhlich ist apl. Professor für Philosophie an der Universität Regensburg, freier Schriftsteller und philosophischer Performer. In Forschung und Lehre beschäftigt er sich vor allem mit politischer Philosophie, philosophischer Anthropologie, Kulturphilosophie und Ästhetik. Ein besonderes Interesse gilt dabei der Frage, wie philosophische Inhalte heute verständlich und anschaulich vermittelt werden können.
Sein Buch Der Weg der Demokratie geht auf langjährige Lehrveranstaltungen zur politischen Philosophie und politischen Ideengeschichte zurück, die er seit 2009 in Ulm und Regensburg entwickelt und erweitert hat. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich Vorstellungen von Gemeinschaft, Herrschaft, Recht, Freiheit und Selbstbestimmung herausgebildet haben und welche begrifflichen und institutionellen Voraussetzungen daraus für moderne demokratische Ordnungen entstanden sind.
In einem gleichnamigen Podcast, der ab Anfang September 2026 veröffentlicht wird, führt Günter Fröhlich verständlich durch diese Entwicklung. In jeder Folge ordnet er zentrale Denker, politische Begriffe und historische Übergänge ein und verbindet ihre Entstehungsgeschichte mit ihrer Bedeutung für die Gegenwart.
Bei Felix Meiner erschien 2016 außerdem sein Buch Der Affe stammt vom Menschen ab. Philosophische Etüden über unsere Vorurteile.


Günter Fröhlich. Foto: Privat
Vier Fragen an Günter Fröhlich
In Athen ist die Idee der Demokratie nicht nur entstanden, sondern realisiert worden, indem sie sich im Verlauf eines ganzen Jahrhunderts nach und nach immer basisdemokratischer erweiterte. Die kulturellen Errungenschaften, die dort erreicht wurden, wären wohl ohne die Rahmenbedingungen gerade dieser politischen Ordnung so nicht erreichbar gewesen. Wir haben der Demokratie in Athen also viel zu verdanken.
Die politische Ideengeschichte beginnt allerdings nicht mit der Demokratie, sondern eher mit der Kritik an ihr bei Platon und Aristoteles. Wie Platon sich die gesellschaftliche Ordnungsstruktur vorgestellt hat, ist schwierig zu beantworten, er schreibt ja nie direkt, was er tatsächlich sagen will. Aristoteles hat dann bereits eine Alternative zur plebiszitären Demokratie entwickelt, er nannte das »Politie«; diese Vorstellung von einer politischen Ordnung als Ausgleich gesellschaftlicher Gruppen entspricht eher unserem heutigen Verständnis. Als Ergebnis aus den antiken Diskussionen bleibt aber festzuhalten, dass eine politische Ordnung, an der das Volk nicht beteiligt ist, nicht besonders stabil ausfallen wird.


Foto: Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
Wir haben unsere heutigen Vorstellungen über politische Systeme nicht von heute auf morgen entwickelt. Jedes Element, das eine demokratische Ordnung ausmacht, unterliegt einer langen historischen Entwicklung. Die Freiheit war bereits in der Antike der zentrale Ausgangspunkt für die Demokratie. Man verband damit politische und ökonomische Selbstbestimmung; die Vorstellung, was unter Freiheit zu verstehen ist, dass es dabei um etwas Persönliches und Subjektives geht, entstand erst viel später, allerdings wieder aus Grundlagen, die bereits die Antike entwickelt hatte.
Es wäre natürlich möglich gewesen, mit der Beschreibung der Demokratieentwicklung erst später in der Geschichte einzusteigen. Auf der einen Seite sind dann allerdings die Grundlagen, auf denen argumentiert wird und auf denen die jeweils neueren Ideen aufbauen, einfach vorausgesetzt. Mir ging es sehr darum darzulegen, wie sich die Vorstellungen entwickeln und im Lauf der Zeit ändern. Außerdem erlebt die antike Philosophie immer wieder Renaissancen, zuletzt sehr intensiv im 20. Jahrhundert, sei es bei Leo Strauss, sei es bei Hannah Arendt; für die Rückgriffe hätte ich dann ohnehin die alten Denkweisen erläutern müssen. Auf der anderen Seite wollte ich tatsächlich auch eine komplette Ideengeschichte vorlegen – und die fängt nun einmal in der Antike an. Um das nicht vollständig ausufern zu lassen, habe ich für alle vergangenen Zeiten versucht, das für unser heutiges Verständnis Wichtige in den Mittelpunkt zu stellen. Jetzt sind allerdings einige Vorstellungen unserer heutigen Zeit manchmal schwer zu verstehen, so z.B. das Schwarz-Weiß-Denken bei den extremen Kritikern der Demokratie. Wenn man allerdings Augustinus kennt, erschließt sich das etwas. Zuletzt war ich immer wieder überrascht, wie weit die Gedankenentwicklung schon fortgeschritten war, ohne dass sich in den politischen Strukturen etwas davon niedergeschlagen hatte; ich denke da beispielsweise an Dante oder Marsilius, die fast schon selbstverständlich schier moderne Forderungen erheben.
Wenn wir davon ausgehen, dass die zentrale Phase der politischen Ideenentwicklung zwischen 1600 und 1900, also zwischen Hobbes und Nietzsche, liegt, stellt sich auch die Frage nach dem Davor und dem Danach, die beantwortet werden will. In der Mitte steht freilich das Ereignis der Französischen Revolution; diese bildet tatsächlich das Zentrum, zumal alle heutigen Probleme der Demokratie damals bereits diskutiert wurden. Daraus lässt sich eine weitere Erkenntnis ableiten: Es reicht für die politische Wirklichkeit nicht, die Schwierigkeiten und Ambivalenzen der Demokratie zu kennen, um diese zu lösen. Wir brauchen Erfahrungen, und vieles erschließt sich leider erst hinterher, auch wenn zuletzt wieder nur der Versuch bleibt, die Verhältnisse zu bessern.
Welche sind Ihrer Ansicht nach die entscheidenden Etappen auf dem Weg zum modernen demokratischen Denken?Die entscheidenden Merkmale sind wohl vielfältig und liegen auf mehreren Ebenen. Der gesellschaftliche Umbau ging immer nur sehr langsam voran. Manche Ereignisse, die eher marginal erscheinen, entpuppen sich später als deutliche Zeichen eines fundamentalen Wandels, der sich erst lange Zeit später tatsächlich auswirkte. Die Ideenentwicklung ist nur das eine, bestimmte historische Ereignisse haben manchmal eine Entwicklung erheblich beschleunigt. Ich möchte hierfür ein paar Beispiele anführen.
1277 verurteilte der Bischof von Paris 219 Thesen als häretisch. Hätte man eine oder mehrere davon öffentlich vertreten, hätte einem also die inquisitorische Verfolgung gedroht. Einige Thesen darunter stammten von Thomas von Aquin, andere wurden in der arabischen Philosophie vertreten und alle wurden intensiv von den Gelehrten diskutiert. Der Bischof wollte freilich seine Macht in Glaubensfragen demonstrieren; allerdings müssen wir fragen, warum er sich in teils sehr theoretische Debatten, deren Thesen absolut kontrovers beurteilt wurden, einfach so einmischte. Die Gelehrten (Philosophen, Theologen, Kanoniker) empfanden das als Affront und sahen die Freiheit der Diskussionen unmittelbar bedroht: Man kann Thesen ablehnen, dagegen argumentieren, aber jetzt brachte einen das bloß hypothetische Erwägen schon in Schwierigkeiten. Man war freilich schon immer darauf bedacht, den »Lehrmeinungen« nicht zu nahe zu treten.
Bei den verbotenen Thesen handelte es sich allerdings um derart wichtige Voraussetzungen für die weiteren Überlegungen, dass man sich innerlich von dem Verbot nur distanzieren konnte. Ein paar Jahre später, 1302, erschien mit unam sanctam eine päpstliche Bulle (von Bonifaz VIII.), welche die gesamte Macht in der Welt dem Papst unterwerfen wollte. Wieder hatte das den Sinn, angesichts dessen, dass die weltlichen Machtansprüche der kirchlichen Obrigkeit in der politischen Wirklichkeit keine größere Rolle mehr spielten, diese noch einmal zu unterstreichen. Man wollte sich also selbst als oberste Instanz inszenieren, was allerdings die Folge hatte, dass das niemand mehr wirklich ernst nehmen konnte – zumal man wusste, dass der Papst persönlich an seine weltliche Hoheit überhaupt nicht glaubte. Sein Kalkül scheiterte ebenso: Mit seiner Schrift wollte er politische Handhabe über diejenigen gewinnen, die seinen Machtanspruch bestritten, erreichte aber, dass sein Dokument gegen ihn verwendet wurde. Die Ablösung von der kirchlichen Autorität setzte früher ein, als ich vermutet hätte. An den realen Verhältnissen änderte das alles aber sonderbarerweise nicht so viel. Das dauerte dann wieder einige weitere Jahrhunderte.
Für die Demokratie ist dabei entscheidend, dass die Gewinnung der Selbstbestimmung voraussetzt, dass der Glaube an äußere Autoritäten verschwindet und aufgegeben wird. Weil diese päpstlichen Machtansprüche aber nicht nur die weltliche Herrschaft betrafen, sondern die Wissensentwicklung – die Herrschaftsansprüche wurden historisch, theologisch, naturrechtlich, metaphysisch usf. begründet –, gaben viele Gelehrte ihre Vorsicht, kirchlichen Dogmen nicht zu nahe zu treten, immer mehr auf. Man wollte sich dahingehend nicht mehr einschränken lassen. Die Wissenschaft, die Forschung und das Nachdenken über die Natur muss unter absolut freien Bedingungen stattfinden. Es liegt nahe: Die freie Wissenschaft selbst ist eine demokratische Idee!
Ganz anders gelagert ist es im Fall der Entwicklung des formalisierten Rechtsbegriffs. Da gibt es zwar immer wieder bedeutsame Einschnitte, aber die Entwicklung verläuft langsam und stetig. Die Voraussetzungen für unser modernes Recht liegen freilich in der römischen Rechtspraxis vor allem am Ende der Republik und später in der Codifizierung unter Justinian sowie der einschlägigen Kommentierung dazu. Dadurch war im Privatrecht bereits einiges in Richtung auf eine Formalisierung des Rechts erreicht, worauf man später zurückgreifen konnte.
Die Bedeutung der Parallelisierung der unterschiedlichen Rechte in Frankreich (droit coutumier und droit écrit) bis ins 18. Jahrhundert hinein ist schwierig einzuschätzen. Solche »Zweisprachigkeiten« haben häufig eine extrem differenzierende Wirkung auf die verwendeten Begriffe. Das Staatsrecht hat dagegen durchaus eine Tradition bereits aus der römischen Republik, während es erst in neuerer Zeit eine festere Systematik erfuhr. Eine breite Wirkung erfuhr dagegen das Verwaltungsrecht erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. Es ist allerdings so, dass, um mit Hegel zu sprechen, das Selbstbewusstsein des deutschen Verwaltungsrechts bisher noch nicht recht zu sich selbst gekommen ist: Es ist immer noch mehr Machtausübungsrecht als – wie ursprünglich vorgesehen – Herrschaftskontrollrecht.
Ein weiterer enorm wichtiger Begriff für die Demokratie ist der der Freiheit. Während sich die Demokratie immer als die Herrschaftsform verstand, die die Freiheit aller in den Vordergrund rückt, verstehen wir heute etwas ganz anderes darunter als in der Antike oder im Mittelalter. Das menschliche Subjekt, wie wir es heute auffassen und wie es unser aller Selbstverständnis prägt, hat seine Ursprünge im 16. und 17. Jahrhundert. Der Begriff des Subjekts hat sich im Lauf der Zeit immer mehr aufgeladen und das hatte natürlich erhebliche Auswirkungen auf den Begriff der Freiheit.


Illustration von Louis Joseph Masquelier
»Die Wissenschaft, die Forschung und das Nachdenken über die Natur muss unter absolut freien Bedingungen stattfinden. Es liegt nahe: Die freie Wissenschaft selbst ist eine demokratische Idee!«
Ganz anders gelagert ist es im Fall der Entwicklung des formalisierten Rechtsbegriffs. Da gibt es zwar immer wieder bedeutsame Einschnitte, aber die Entwicklung verläuft langsam und stetig. Die Voraussetzungen für unser modernes Recht liegen freilich in der römischen Rechtspraxis vor allem am Ende der Republik und später in der Codifizierung unter Justinian sowie der einschlägigen Kommentierung dazu. Dadurch war im Privatrecht bereits einiges in Richtung auf eine Formalisierung des Rechts erreicht, worauf man später zurückgreifen konnte.
Die Bedeutung der Parallelisierung der unterschiedlichen Rechte in Frankreich (droit coutumier und droit écrit) bis ins 18. Jahrhundert hinein ist schwierig einzuschätzen. Solche »Zweisprachigkeiten« haben häufig eine extrem differenzierende Wirkung auf die verwendeten Begriffe. Das Staatsrecht hat dagegen durchaus eine Tradition bereits aus der römischen Republik, während es erst in neuerer Zeit eine festere Systematik erfuhr. Eine breite Wirkung erfuhr dagegen das Verwaltungsrecht erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. Es ist allerdings so, dass, um mit Hegel zu sprechen, das Selbstbewusstsein des deutschen Verwaltungsrechts bisher noch nicht recht zu sich selbst gekommen ist: Es ist immer noch mehr Machtausübungsrecht als – wie ursprünglich vorgesehen – Herrschaftskontrollrecht.
Ein weiterer enorm wichtiger Begriff für die Demokratie ist der der Freiheit. Während sich die Demokratie immer als die Herrschaftsform verstand, die die Freiheit aller in den Vordergrund rückt, verstehen wir heute etwas ganz anderes darunter als in der Antike oder im Mittelalter. Das menschliche Subjekt, wie wir es heute auffassen und wie es unser aller Selbstverständnis prägt, hat seine Ursprünge im 16. und 17. Jahrhundert. Der Begriff des Subjekts hat sich im Lauf der Zeit immer mehr aufgeladen und das hatte natürlich erhebliche Auswirkungen auf den Begriff der Freiheit.


Foto: David Iliff/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
An bestimmten einschlägigen Ereignissen oder historischen Begebenheiten kommt man dennoch nicht vorbei. Dazu gehört zweifelsfrei die Französische Revolution. Für die deutsche Entwicklung zum Grundgesetz hin ist dagegen gerade das nationalsozialistische Terrorsystem maßgeblich. Solche Ereignisse haben natürlich ihre Vorgeschichte. Manchmal macht man dabei auch sonderbare Entdeckungen: Die Französische Revolution hat ja, genau besehen, niemals stattgefunden; es gibt im Grunde kein Ereignis, an dem wir sie wirklich als revolutionären Akt festmachen können. Dazu steht in Kontrast: Der schlimmste Auswuchs des nationalsozialistischen Terrors, die Vernichtung des europäischen Judentums, sollte nie stattgefunden haben, denn neben den Menschen wollte man auch jede Erinnerung an sie sowie an ihre Vernichtung auslöschen – das Letzte hatte freilich auch den Sinn, die eigenen Taten schon im Moment ihrer schauerlichen Verrichtung zu negieren.
Der Zusammenbruch des Staatskapitalismus sowjetischer Prägung – um ein weiteres Ereignis bzw. einen Prozess zu nennen – hatte dagegen für die Entwicklung der Demokratie aus meiner Sicht eine sehr geringe Bedeutung. Das gilt nicht nur rückblickend, denn die Erzählung vom Sieg des demokratischen Kapitalismus über die Planwirtschaft des Sozialismus schien mir schon immer eher zweifelhaft. Inzwischen ist der Zusammenbruch des Ostens gewiss eine Art Wendepunkt, weil bald darauf – und aus Ursachen, die im Zusammenbruch liegen – die Entwicklungen beginnen, welche die Demokratie inzwischen unter Druck setzen. Aber da sind wir derzeit mitten im Geschehen.
Sehen Sie in der gegenwärtigen politischen Philosophie auch Rückschritte auf dem »demokratischen Weg«?Die politische Philosophie ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht das Problem. Wenn man so sagen will: Auf Philosophen hört eh niemand. Vielleicht war es aber doch ein Fehler nach dem Zweiten Weltkrieg, nur noch auf theoretische Probleme zu setzen und sich dezidiert unpolitisch zu geben. Das gilt freilich nicht für alle akademischen Vertreter des Fachs. Mit der Etablierung der Politikwissenschaft und ihrem Zweig der politischen Ideengeschichte hätte das freilich eine andere Richtung nehmen können. Aber auch hier konzentrierte man sich fast ausschließlich auf theoretische Begründungsfragen. Auf die tatsächlichen Verhältnisse und ihre Entwicklung wollte sich da niemand so recht einlassen. Und umgekehrt vernachlässigte man wiederum die theoretischen Grundlagen, also erkenntnistheoretische und anthropologische Überlegungen der einschlägigen Autoren.
Innerhalb der Riege der ideengeschichtlichen Theoretiker ist darüber hinaus eine eigenartige Vorliebe für die Macht- und Gewaltbegründung festzustellen. Man beschäftigt sich gerne mit Machiavelli, Hobbes und Carl Schmitt, weil diese die Gewalt bei der Begründung von sozialen Gesellschaftsordnungen besonders »realistisch« auffassen würden. Das verdeckt meines Erachtens eher die Realität und Vielfalt, auf die sich die demokratische Kultur gründet, geht also an der Realität eher vorbei. Damit verbunden ist ebenso die Betonung eines extremen Individualismus, der eine gemeinschaftliche Orientierung des modernen Menschen schier leugnet.
Wenn dann auch noch anthropologische Überlegungen ausgesetzt werden und man das Menschenbild eins zu eins aus bestimmten biologischen und ökonomischen Traditionen übernimmt, geht es nicht mehr um eine soziale Ordnung, sondern ausschließlich um Macht, Gewalt, Krieg, Konflikt, Durchsetzung, Erfolg. Der Blick auf die Demokratie ist dann einseitig gefärbt, und dann wird selbst die Medienberichterstattung über politische Prozesse, da keine anderen Kategorien zur Verfügung gestellt werden, davon geprägt. Wenn Demokratie als bloßer und ständiger Machtkampf dargestellt wird, ist im Grunde bereits ihre Grundlage, gemeinsames öffentliches Handeln, zerstört. Die Bewegung des Kommunitarismus entstand, als die theoretische Situation gewissermaßen unerträglich wurde – allerdings fiel dessen Begründungsstruktur auch etwas schwach aus.
Demokratische Staatsverfassungen und demokratische Politikformen stehen weltweit massiv unter Druck und werden von rechter Seite diskreditiert. Sehen Sie die Gefahr, dass der »Weg der Demokratie«, den Sie durch die Geschichte der politischen Philosophie hindurch verfolgt und beschrieben haben, am Ende ist?Wahrscheinlich ist das der Punkt, der mich veranlasst hat, mir die Gedanken, um die es in dem Buch geht, zu machen. Ich bin da eher pessimistisch, was den Weg der Demokratie angeht. Die Geschehnisse, mit denen wir uns tagtäglich auseinandersetzen müssen, lassen ja kaum noch Hoffnung aufkommen, dass es mit der Demokratie noch so ohne weiteres weitergeht.
Das Nachdenken über die Voraussetzungen und die Entwicklungen der Demokratie stimmt mich dagegen zunehmend massiv positiv. Erstens dürfen wir nicht den Fehler machen, zu glauben, die Geschichte der Demokratie sei schon auserzählt, weil alles schon umgesetzt wurde und sie, wie wir derzeit glauben, gerade scheitert. Aus den Bedingungen – vor allem aber wegen ihrer enormen Komplexität – lässt sich nur der eine Schluss ziehen, dass unsere derzeitigen Demokratien, und das gerade auch noch angesichts der Vielfalt und Unterschiedlichkeit demokratischer Systeme weltweit, ein ganz außerordentliches Entwicklungspotential haben. So ist das Grundgesetz im Grunde noch immer ein Programm geblieben. Wir sind weit davon entfernt, die Idee des Grundgesetzes umgesetzt zu haben – und das möge bitte niemand als Kritik am Grundgesetz verstehen, um daraus abzuleiten: Wenn unsere oberste Normenordnung immer noch keine Gültigkeit hat, dann brauchen wir sie wohl auch nicht. Die andere Seite besteht darin, dass die Demokratie als Idee sehr alt ist und gewissermaßen immer präsent gehalten wurde. Bereits im Mittelalter wurden Stimmen laut, dass eine demokratische Entwicklung zu begrüßen sei, und dabei dürfen wir auch nicht vergessen, dass es in einigen italienischen Städten ganz früh eine ganze Reihe demokratischer Experimente gab.
Ich sehe einen gewissen Höhepunkt des Gedankens, die Demokratie als alternativlos anzusehen, bereits im 17. Jahrhundert – das hat zum Teil mit der Entstehung des englischen Parlamentarismus zu tun. Historisch scheint mir das ziemlich eindeutig: Wenn Ideen aufkommen und eine gewisse Verbreitung finden, die dazu angetan sind, das soziale Machtgefüge zu stören, dann beginnen die Herrscher ihre Macht zu festigen und auszubauen. Tatsächlich war die Folge von demokratischen Überlegungen das Ancien Régime; aus der Reaktion heraus geboren, musste der Absolutismus auf Bedingungen setzen, die zwangsläufig sein eigenes Ende bedeuteten. Der schier plötzliche Zusammenbruch hatte dann tatsächlich auch ökonomische Gründe.
Ein anderes Beispiel ist gerade schon genannt worden: Die fürchterliche Terrorherrschaft in Deutschland lieferte die Bedingungen dafür, so etwas wie das Grundgesetz zu entwerfen und einzusetzen. Daraus und aus allen möglichen anderen Beispielen folgere ich: Die Demokratie hat in den letzten 2500 Jahren noch nie Rückschritte gemacht. Immer wenn sie gezwungen wurde, sich zurückzuziehen, wurden die Grundlagen dafür geschaffen, dass sie einen bedeutenden Fortschritt macht.
Es scheint manchmal so zu sein, als wäre die Demokratie unfähig, sich von sich selbst aus weiterzuentwickeln. Erst wenn sie unter Druck gerät, macht sie einen enormen Entwicklungsschub. Es gibt in der Geschichte, soweit ich sehe, kein einziges Gegenbeispiel. Das Schreiben des Buches hat mich also auch von meinem Pessimismus über die Zukunft der Demokratie befreit.
Leider sind wir Menschen inzwischen in der Lage, die Menschheit in kürzester Zeit auszulöschen, und auch wenn das nicht passiert, schaffen wir gerade langsam die Bedingungen ab, unter denen wir auf dem Planeten leben können. Ob der Gedanke tröstlich ist, dass das Leben auf der Erde ohnehin einmal zu Ende gehen wird, weil die Sonne ausbrennt, scheint mir allerdings auch eher zweifelhaft.
Veranstaltungen
- Samstag, 31. Oktober 2026, 19:30 Uhr: Literaturcafé
Spiegelgasse 8, 93047 Regensburg - Mittwoch, 25. November 2026, 19:30 Uhr: Sauseneck
Keplerstraße 8, 93047 Regensburg - 02. Dezember 2026, 19:30 Uhr: cum tempore
Am Römling 11, 93047 Regensburg - Dienstag, 26. Januar 2027, 19:30 Uhr: Buchhandlung Dombrowski
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