Sechs Fragen an Hedde Zeijlstra

Hedde, du beschäftigst dich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit Sprache. Wie bist du zur Linguistik gekommen – und was hat dich dazu bewegt, ein Buch für ein breites Publikum darüber schreiben zu wollen?

Sprache und Literatur haben mich schon immer fasziniert, gleichzeitig hatte ich aber auch eine große Begeisterung für die Naturwissenschaften, insbesondere für Physik und Mathematik. Dort gibt es eine lange Tradition, einem breiteren Publikum zu erklären, womit sich die Wissenschaft eigentlich beschäftigt, was sie herausgefunden hat und warum das spannend ist. In der Linguistik, also der Wissenschaft hinter unseren Sprachen, ist diese Tradition viel weniger ausgeprägt. Das fand ich schade – denn kaum etwas ist uns so vertraut wie Sprache, und gleichzeitig wissen die meisten Menschen erstaunlich wenig darüber, wie sie eigentlich funktioniert. Genau das wollte ich mit diesem Buch ändern.

Wer sich mit dem Sprachenlernen schwertut, dürfte beim Titel „Die geniale Einfachheit der Sprache“ erst einmal stutzen. Was genau ist an Sprache „einfach“?

Genau darin liegt das scheinbare Paradox: Eine neue Sprache zu lernen, ist ungeheuer schwierig – vor allem, wenn man nicht mehr ganz jung ist. Kinder dagegen scheinen das nahezu mühelos zu schaffen. In meinem Buch möchte ich zeigen, dass das System, das allen menschlichen Sprachen zugrunde liegt, im Grunde erstaunlich einfach ist. Es besteht aus einer überschaubaren Zahl grammatischer Bausteine und Regeln, mit denen sich diese Bausteine kombinieren lassen. Kinder scheinen diese grundlegende Systematik sehr schnell zu durchschauen. Wir Erwachsenen hingegen sehen vor lauter unregelmäßigen Verben, Deklinationstabellen und scheinbar willkürlichen Ausnahmen oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Hinter dieser verwirrenden Oberfläche verbirgt sich aber eine verblüffend einfache und elegante Architektur – und genau darum geht es in dem Buch.

Seit dem Erscheinen des niederländischen Originals vor sechs Jahren haben KI-Sprachmodelle unseren Blick auf Sprache verändert. Wo verläuft für dich die Grenze zwischen statistischer Vorhersage und echtem Sprachverständnis?

Große Sprachmodelle, sowie ChaptGPT oder Claude, sind fantastisch – und sie können uns enorm viel Arbeit abnehmen. Aber sie verstehen Sprache nicht auf dieselbe Weise wie wir Menschen. Vereinfacht gesagt berechnet ein Sprachmodell mit erstaunlicher Präzision, welches Wort oder welche Wortfolge auf eine bestimmte Folge von Wörtern wahrscheinlich folgt. Wenn diese Folge eine Frage ist, kann das Ergebnis wie eine Antwort aussehen. Aber solche Vorhersagen zu treffen ist noch nicht dasselbe wie zu verstehen, was Sprache im Innersten ausmacht.

Gerade der Vergleich mit Kindern ist hier faszinierend. Sprachmodelle werden mit Milliarden und Abermilliarden von Wörtern und Sätzen trainiert. Ein Kind hört nur einen winzigen Bruchteil davon – und erschließt sich dennoch innerhalb weniger Jahre das komplexe System seiner Muttersprache. Für mich macht KI deshalb die zentrale Frage der Linguistik nicht weniger interessant, sondern im Gegenteil noch spannender: Was weiß ein Mensch eigentlich, wenn er eine Sprache kann?

Porträt Hedde ZeijlstraPorträt Hedde Zeijlstra
Hedde Zeijlstra. Foto: Privat
Du zeigst in deinem Buch, dass Gebärden- und Lautsprachen erstaunlich viel gemeinsam haben. Was verraten uns Gebärdensprachen über die Grundlagen menschlicher Sprache?

Wir stellen uns Sprache oft als eine Verbindung zwischen Laut und Bedeutung vor: Wir bringen die Luft zum Schwingen, andere Menschen hören diese Schwingungen und verstehen, was wir meinen. Gebärdensprachen zeigen uns jedoch, dass der Laut für Sprache überhaupt nicht wesentlich ist. Bewegungen der Hände, des Körpers und des Gesichts funktionieren genauso gut.

Und das Spannende ist: Hinter diesen unterschiedlichen Ausdrucksformen finden wir sehr ähnliche grammatische Prinzipien. Das verrät uns etwas Entscheidendes über die menschliche Sprache. Ihr eigentliches Wesen liegt nicht im Sprechen oder Hören, sondern in der Fähigkeit unseres Gehirns, aus einfachen Elementen komplexe Strukturen und damit immer neue Bedeutungen zu bilden. Gebärdensprachen machen das vielleicht deutlicher sichtbar als alles andere.

Sprachwissenschaftlern haftet das Klischee an, jedes falsche Wort und jeden Grammatikfehler ihres Gegenübers zu registrieren. Gibt es aus linguistischer Sicht überhaupt „gute“ und „schlechte“ Grammatik?

Nein – jedenfalls nicht in dem Sinne, dass manche Sprachen oder Sprachformen grammatisch besser oder schlechter wären als andere. Keine Sprache der Welt ist primitiver oder weiter entwickelt als eine andere. Jede menschliche Sprache erlaubt es ihren Sprechern, eine unbegrenzte Zahl von Gedanken auszudrücken.

Und vieles, was wir im Alltag als „Grammatikfehler“ bezeichnen, ist aus linguistischer Sicht gar keiner. Wenn beispielsweise jemand im Deutschen wegen dem Wetter statt wegen des Wetters sagt, kann man das nach einer bestimmten Standardnorm beanstanden. Linguistisch betrachtet sehen wir aber einen ganz normalen Sprachwandel: Der Dativ nach wegen ist keineswegs regellos, sondern folgt einem grammatischen Muster. Ähnliches gilt für Dialekte. Sie sind keine „schlechten“ Versionen der Standardsprache, sondern besitzen ihre eigene, vollständig entwickelte Grammatik. Gerade vermeintliche Fehler sind deshalb für Linguisten oft besonders interessant – denn an ihnen kann man beobachten, wie Sprache funktioniert und wie sie sich verändert.

Und zum Schluss: Gibt es ein sprachliches Phänomen, das dich besonders fasziniert – oder hast du vielleicht sogar eine Lieblingssprache?

Ich habe mich in meiner Forschung sehr viel mit Negation beschäftigt. Das klingt zunächst ziemlich negativ – ist aber in Wahrheit ausgesprochen faszinierend. Menschen können nicht nur über das sprechen, was der Fall ist, sondern auch über das, was nicht der Fall ist. Wir können uns vorstellen, dass etwas nicht geschehen ist, etwas verneinen, bestreiten oder über Situationen nachdenken, die niemals existiert haben. Jede menschliche Sprache verfügt über Mittel, das auszudrücken. Negation erzählt uns deshalb nicht nur etwas über Grammatik, sondern auch über die Funktionsweise des menschlichen Geistes.

Eine Lieblingssprache habe ich allerdings nicht. Ich glaube vielmehr: Je besser man eine Sprache beherrscht, desto mehr entdeckt man an ihr, was man schätzen kann. In diesem Sinne gefällt mir inzwischen sogar das Deutsche immer besser …

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